Über uns ....

 ...schrieb Jan Draeger in der "Berliner Illustrirten Zeitung":

Friedenau ist für seine Dichter berühmt.

Die Bücher von Evelyn Weissberg und Hermann Ebling erzählen die Geschichte des Ortsteils

  

Eine Liebe in Friedenau

Im Leben lauern ja bekanntermaßen Irrungen und Wirrungen. Doch bei Evelyn Weissberg und Hermann Ebling hat sich auf merkwürdige Weise alles gefügt – Friedenau, die Bücher und überhaupt das mit ihnen als Paar. Es ist ein kleines Jubiläum, das sie gerade feiern können. Vor 40 Jahren sind sie aus der Pfalz nach Berlin gezogen. Die passende Wohnung, zwei kleine Zimmer, fanden sie nicht in Wedding, Kreuzberg oder Neukölln, dort suchten sie auch, sondern in Friedenau. Zufall. Aber auch ein Glücksfall. Zehn Jahre später brachten die beiden ihr erstes Buch über Friedenau heraus, elf weitere sind bis heute gefolgt. Ihr Leben verband sich mit dem kleinen Ortsteil im Süden Berlins, mit seiner Geschichte, seinen Menschen. So ist ihre Geschichte auch zu einem Stück – das altertümliche Wort macht hier durchaus Sinn – Heimatkunde geworden.

 

Hermann Ebling ist ein kräftiger Mann, augenscheinlich der Typ Anpacker.

Er ist ein begeisterter Vermittler, die Worte sprudeln aus ihm heraus, er redet gern und viel. Evelyn Weissberg, eher der bedächtige Part, schiebt dann manchmal ihren Zeigefinger nach vorne, wenn sie seinen Fluss unterbrechen will. In Friedenau sagen viele – und es sind wirklich viele, die sie dort kennen – sie hätten selten ein Paar getroffen, das derart an einem Strang zieht.

Also muss es doch erlaubt sein, eine der großen Fragen der Menschheit zu stellen: Was ist Liebe?

 

Er: „Liebe ist etwas, das sich entwickelt, über Jahrzehnte. Vielleicht ist es auch, im günstigsten Fall: die Perspektive, die gleichen Interessen.“

Sie: „Die Kreativität.“

Er: „Das hat sich bei uns ausgezahlt. Nicht in Währung, sondern in Beschäftigung.

Wir sind seit 42 Jahren ein Paar, das zusammenhält.“

In Kaiserslautern, wo er geboren und sie im Alter von zwei Jahren aus Zürich hingezogen ist, kamen sie über eine Jugendclique zusammen. Ihre Eltern waren geschieden, beide wuchsen bei den Großeltern auf. „Das war vielleicht auch ein Grund, dass wir uns so gefunden haben“, sagt er.

Sie lernte an einer Fachhochschule Design und Visuelle Kommunikation, er machte eine Handwerkerlehre. Und doch stockte das Leben beider in der pfälzischen Kleinstadt etwas. Sie waren beide 19, als er 1975 den Vorschlag machte, es doch mal in Berlin zu versuchen. Mit einer befreundeten Musikergruppe, die im „Go-In“ in Charlottenburg einen Auftritt hatte, fuhren sie hin. Anderthalb Tage waren für den Trip veranschlagt worden. Sie wohnten bei Freunden am Innsbrucker Platz. Viel sahen sie nicht in der kurzen Zeit. Einmal liefen sie die Hauptstraße runter, blieben am Breslauer Platz stehen.

„Ich erinnere mich noch sehr eindringlich an den großen Turm vom Rathaus Friedenau“, erzählt sie.

Vielleicht war es ja ein Zeichen.

 „Friedenau wollte uns“

 

Sie bewarben sich für mehrere Wohnungen. Schon als sie es fast aufgegeben hatten, kam in Kaiserslautern der erlösende Anruf, dass es in der Handjerystraße in Friedenau klappen sollte.

Für 86 Mark Miete.

„Das hat sich auf mystische Art und Weise ergeben“, sagt er.

„Friedenau wollte uns“, sagt sie.

Damals hatte Friedenau noch nicht den Ruf eines Dichterviertels. Auch wenn sie dort gewohnt hatten wie Uwe Johnson oder noch wohnten wie Günter Grass in der Niedstraße. Oder Max Frisch in der Sarrazinstraße. Oder Hans Magnus Enzensberger in der Fregestraße. „Uwe Johnson hat eine ganze Gruppe von Schriftstellern nachgezogen. Es gibt ja den Spruch, dass er neben der Schriftstellerei auch als Immobilienmakler sehr große Erfolge feiern konnte“, erzählt Ebling.

 

Seine Frau und er waren zu dieser Zeit allerdings noch kaum mit deren Literatur in Berührung gekommen. Ihnen fiel nur auf den Friedenauer Straßen „ein Mann auf, mit Baskenmütze und Riesenschnurrbart, der etwas gebeugt ging“. Erst später erfuhren sie, dass es der Schriftsteller Edgar Hilsenrath war. Sie selbst lasen aber George Orwell, Carlos Castaneda und Hermann Hesse. Und kümmerten sich überhaupt erstmal um ihren weiteren beruflichen Werdegang. Sie nahm ihr Studium an der HdK auf und entwarf Kataloge für die Internationale Bauausstellung. Er holte auf dem zweiten Bildungsweg sein Abitur nach und arbeitete später  als Tonmeister.

In Berlin hatte Ebling aber schon mit etwas begonnen, was später den Büchern ihres Verlages, der „edition Friedenauer Brücke“, ein Gesicht geben sollte. Er sammelte alte Fotografien. Er kaufte sie auf Flohmärkten und Börsen. Anfang der 80er-Jahre konzentrierte sich seine Leidenschaft auf Bilder aus Friedenau. Heute hat er tausende in seinem Archiv.

 

Damals, mit den Bildern, muss es auch angefangen haben, dass sie die Besonderheiten ihres Wohnortes entdeckten. Der Holsteiner Johann Anton Wilhelm von Carstenn hatte das Gebiet Mitte des 19. Jahrhunderts erworben und wollte dort eine Villenkolonie errichten. Als ihm das Geld ausging und er verkaufen musste, entstanden in der Kaiserzeit auch mehrstöckige Mietshäuser mit allerdings großzügigen Wohnungen. Vieles hat sich bis heute erhalten, die Villen, die Mietshäuser mit Vorgärten, auf viele Besucher und Zugezogene wirkt Friedenau wie eine Oase inmitten des hektischen Großstadttrubels.

„Es ist nicht so großspurig, hat eher etwas Zurückgezogenes“, formuliert es Hermann Ebling.

„Die Gründerväter und -mütter haben Friedenau mit einem ganz speziellen Anspruch gegründet: Dass es hier schön ist, lebenswert, dass es Plätze gibt, an denen man sich gerne aufhält. Dieser Geist ist bis heute da“, sagt sie.

Anfang der achtziger Jahre waren sie in die Stubenrauchstraße gezogen, sie brauchten eine größere Wohnung, das erste Kind, Jonas, war zur Welt gekommen, zwei weitere, Simon und Sonja, sollten später folgen.

In dieser Zeit entstand auch die Idee, ein erstes Buch herauszubringen.

Ebling hatte mittlerweile eine solche Fülle an Bildmaterial von den Friedenauer Anfangsjahren, dass es sich anbot. Nur Geld war nicht genug da. Ebling, der ja Tonmeister beim Film war, erzählte seinem Assistenten dort von dem Projekt und der wusste, wer helfen konnte. Der Assistent war nämlich der Sohn von Günter Grass, Raoul, und er fragte seinen Vater. Und tatsächlich, Grass gab Geld dazu. 1986 erschien „Friedenau – Aus dem Leben einer Landgemeinde“ mit historischen Aufnahmen, das Erstlingswerk ist mittlerweile vergriffen. Die Texte verfasste Ebling mit Hilfe einer Lektorin, den Band selbst, das Layout, entwarf seine Frau.

 

Es sollte allerdings 20 Jahre dauern bis sie sich an neue Bücher wagten, diesmal allerdings ohne Finanziers. 2006 brachten sie eines über den „Künstlerfriedhof“ in Friedenau heraus, auf dem unter anderen Marlene Dietrich und Helmut Newton begraben sind. Ein Jahr später entstand die Reihe „Friedenau erzählt“. Prominente und auch weniger bekannte Zeitzeugen schildern dort, wie sie Kaiserzeit und Weimarer Republik erlebten. Auch ein „Lesebuch“ über die Nazizeit ist so entstanden, unter anderem mit textlichen Fundstücken von Hildegard Knef und Friedrich Luft über Friedenau.  

Die Reihe „Friedenau erzählt“ will das Verlegerpaar gern bis in die heutige Zeit fortsetzen und sucht auch über Facebook nach Zeitzeugen, die ihnen Erlebnisse aus den fünfziger, sechziger Jahre bis zur Nachwendezeit erzählen können.

Mittlerweile ist der kleine Verlag zu einem Familienunternehmen angewachsen. Der älteste Sohn Jonas hat Übersetzer gelernt und ist damit für den Vater auch zum geeigneten Lektor geworden. Die Tochter Sonja studiert Vergleichende  Literaturwissenschaft und bringt sich auch bereits ein. „Vielleicht wird der Verlag einmal in den Kindern fortleben“ wünscht sich Herrmann Ebling.

 

Seine Arbeit beim Film hat er aufgegeben, er kümmert sich nun ausschließlich um die Buchproduktion. Die Auflage liegt bei jedem Band etwa im vierstelligen Bereich, genauer will er sich dazu nicht äußern. Viele sind auch Longseller, die sich über einen längeren Zeitraum verkaufen. Im Souterrain des Hauses in der Rembrandtstraße, wo sie nun seit 20 Jahren wohnen, stapeln sich noch Bücher bis an die Decke. Einen „Megaseller“ konnten sie sogar mit dem Fotoband „Berlin um 1950“ verzeichnen. Der Fotograf, der heute 90-jährige Ernst Hahn, lebt inzwischen in einem Seniorenheim in Friedenau. Als junger Mann hatte er fünf Jahre nach Kriegsende die Stadt aus ungewöhnlichen Perspektiven fotografiert. „Er ist Potsdamer.
1950 ist er deshalb in Berlin an Orte gegangen, die andere gar nicht fotografiert hätten. Es ist ein untypischer Berlin-Blick.“

 

Demnächst soll ein Buch über den Künstler Ernst Volland erscheinen. Er wohnt zwar in Steglitz, aber das sieht man nicht so eng, man kennt sich, Volland kaufe am Sonnabend gern auf dem Wochenmarkt am Breslauer Platz ein. Auch ein Buch über Rosa Luxemburg, neben den beiden Nobelpreisträgern Günter Grass und Herta Müller auch eine bekannte Bewohnerin Friedenaus, ist in Planung. Sie lebte in der Cranachstraße 58. Jedes Jahr zu ihrem Todestag am 15. Januar versammelt sich eine Schar vor ihrem Haus zum Gedenken. „Und jedes Jahr werden es weniger“, hat Ebling beobachtet.

 

„Wir werden die Sicht auf Friedenau nicht verändern, aber wir werden sie bereichern. Wir sind Archäologen, wir graben aus“, sagt er. „Das Konzept des Verlages ist, dass er kein Konzept hat.

Wir machen das, was wir entdecken, bringen heraus, was wir würdig finden, dass es veröffentlicht wird“, sagt sie.

 

Evelyn Weissberg und Hermann Ebling, das ist die Geschichte zweier Menschen, die in Friedenau eine Heimat gefunden haben und dieses Gefühl von Verbundenheit nun denen, die dort leben, weitergeben.

Eigentlich ein guter Gedanke in unserer heutigen Zeit.

 

 

Berliner Illustrirte Zeitung, 31.7.2016    von Jan Draeger 


Ansichtskarte des Panoramas von Friedenau von ca 1903, mit der Friedenauer Brücke ganz links 

 

 Eisenbahnüberführung

(Friedenauer Brücke) 1914 

von Ernst Ludwig Kirchner

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Evelyn Weissberg

 

Stand: Oktober 2019