BERLIN taz 17. 2. 2022

 

Über den Wochenmarkt in Friedenau

 

Knochenjob mit familiärem Ambiente

 

Seit über 100 Jahren gibt es einen Markt in Friedenau. In einem Buch wird die Geschichte des ältesten Wochenmarkts in Berlin anschaulich gemacht.

Ob es stürmt oder schneit oder ob die Sonne scheint – die wetterfesten Markthändler von Friedenau sind immer auf Posten.

Drei Mal in der Woche bauen sie auf dem Breslauer Platz die Holztische auf oder fahren mit ihren rollenden Verkaufsständen vor.

 

Immer für einen halben Tag nimmt der Freilufthandel den sonst öden Platz vor dem früheren Rathaus in Beschlag. Seit weit über hundert Jahren geht das so. In einem Buch – „Markttage in Friedenau“ – kann man sich genauer mit der wechselhaften Geschichte des ältesten Wochenmarktes in Berlin beschäftigen.

 

Es war im Mai 1881, als die Kommunalpolitiker der damals eigenständigen Landgemeinde Friedenau, die zum Landkreis Teltow gehörte, die Einrichtung eines Wochenmarktes beschlossen. Mittwoch und Sonnabend waren die Verkaufstage, und so ist es bis heute geblieben. Nur der Donnerstag ist als dritter Markttag noch dazugekommen.

 

Die Zahlungskraft der Kundschaft gibt es her. „Das Selbstbewusstsein der Bewohner dieses besonderen Friedenauer Gemeinwesens überdauerte die Zeiten und die Tradition des eigenen Wochenmarktes gehört bis heute dazu“, notiert die Kiezchronistin Evelyn Weissberg in ihrer Markthistorie. 

 

MARKTTAGE IN FRIEDENAU

Marktbesuch im Buch: 

Auf 148 Seiten dokumentiert das Buch „Markttage in Friedenau: Geschichten, Bilder und Impressionen von einem Berliner Wochenmarkt“

mit vielen Fotos und Zeichnungen den Freilufthandel vor dem Rathaus Friedenau im Bezirk Tempelhof-Schöneberg im Wandel der Zeit.

Herausgegeben hat das Buch Evelyn Weissberg, in deren Kleinverlag edition Friedenauer Brücke es 2021 auch erschienen ist.

Preis: 29 Euro.

Marktbesuch real: Der Wochenmarkt auf dem Breslauer Platz vor dem Rathaus Friedenau findet an drei Tagen in der Woche statt:

mittwochs 8 bis 13 Uhr, donnerstags 12 bis 18 Uhr, samstags 8 bis 14 Uhr. (mr)

 

Der Markt, der zwei Weltkriege überstanden hat

Nach ihrer Recherche existiert in Friedenau „der älteste, auch während der beiden Weltkriege durchgängig betriebene Markt von ganz Berlin“. Die Regimes wechselten und auch die Zahlungsmittel, aber die Waren und das Handelsgeschäft blieben weitgehend gleich.

Die Bauern aus Brandenburg bringen ihr Obst und Gemüse , andere Händler – Metzger, Imker, Floristen – ergänzen das Angebot. Zum Basisangebot an Lebensmitteln kommen in der wärmeren Jahreszeit auch Textilien und markttypische „Kurzwaren“ hinzu. Auf der Marktfläche haben 30 bis 35 Stände Platz.

„Wir haben an diesem Markt eine hohe Qualität“, sagt Andreas König. Er ist seit 2015 der Marktmeister und zuständig für insgesamt sieben Märkte in Schöneberg. Als offizieller Vertreter des Bezirksamtes ist er zuständig für den technischen Betrieb, den Strom- und Wasseranschluss der Stände, ihre Positionierung und auch die Aufnahme neuer Anbieter unter dem Gesichtspunkt einer guten Mischung– die angenommen wird:
„An guten Tagen haben wir an die 1.000 Kunden auf dem Markt.“

 

Nicht immer ging alles mit rechten Dingen zu

Für Anziehung sorgen nicht nur die Waren allein, es ist auch der Flair des Ortes oder das Schwätzchen mit den Händlern. Zuweilen aber geht es auch in Friedenau nicht ganz einwandfrei zu mit Händlern, die ihre Waren falsch deklarieren. Etwa, wenn die Äpfel gar nicht aus dem Brandenburger Umland stammen, sondern von den Plantagen im Alten Land vor Hamburg oder aus Südtirol. Die Lebensmittelkontrolle hat hier nur beschränkte Eingriffsmöglichkeiten.

 

Ein krasser Fall ist aus der Kaiserzeit dokumentiert. Im Buch von Evelyn Weissberg ist so die Geschichte von einer Briefschreiberin Elisabeth zu lesen. Sie schildert im März 1899 im Friedenauer Lokalanzeiger, wie gern sie auf dem Markt eine bestimmte Wurst von einer jungen Frau gekauft habe: „Oft habe ich davon pfundweise genommen, weil sie schmackhaft und billig war.“ Doch eines Tages war die beliebte Wurstlieferantin verschwunden.

Was war der Grund, fragte sie die Standnachbarin? „Na, sind Se man blos froh, Madamken, det Se von det freche Weib keene Ware mehr kriegen“, antwortete die in breitem Berlinerisch. „Die hat ja Pferdefleisch in ihre Wurst drinne gehabt – nu is ihr die Polizei uff en Kopp gekommen.“

 

Mit den Zeiten wandeln sich auch die Geschmäcker. Berlin als eine Hochburg der veganen, fleischlosen Ernährung macht sich auch auf dem Wochenmarkt bemerkbar: „Die Kundschaft ist gegenüber früher jünger geworden“, hat Marktmeister König festgestellt.

 

Corona steigert Qualitätsbewusstsein der Kunden

Auch die Corona-Auflagen mit Abstandsgebot und Maskenpflichthaben für keinen Umsatzeinbruch gesorgt. Im Gegenteil: Der Trend zum eigenen Kochen in den Monaten der Lockdowns hat die Nachfrage nach Marktgemüse verstärkt.

Das kann auch Rainer Olwig für sein Produkt bestätigen: Käse, den er in 170 Varianten jeden Sonnabend anbietet. „Durch Corona habe ich bis zu 50 Prozent mehr Umsatz gemacht“, sagt der Käsemann, der seit 2004 auf dem Friedenauer Markt verkauft. Auch Olwig unterstreicht das erhöhte Qualitätsbewusstsein der Käufer, das Ausdruck einer gehobenen Sozialstruktur des Viertels ist, das auch eine immense Nobelpreisdichte hat. Literatur-Nobelpreistträger Günter Grass wohnte hier und kaufte auf dem Markt ein und seine Preis-Nachfolgerin Herta Müller ebenso.

Rainer Olwig schätzt das „familiäre Ambiente“ des Marktes. Die Händler kennen sich untereinander, empfinden sich wie eine zweite Familie, so beschreibt er es. Auch mit seiner Stammkundschaft ist er eng zusammen. „Ich habe die Namen von 80 Kunden im Kopf“, sagt Olwig. Das sei hier eben nicht so seelenlos wie im Supermarkt.

 

Die Marktlogistik ist ein Knochenjob

Für den Biotrend auf dem Markt steht Susanne Petersen. Seit 1999 betreibt sie mit Kolleginnen ihren Stand „frisch&frei“ mit Naturkost und Biodelikatessen von verschiedenen Bauernhöfen aus dem Umland.

Im Buch von Evelyn Weissberg schildert sie anschaulich, welcher Knochenjob an jedem Sonnabend dahintersteckt. Aufstehen um Mitternacht, 75 Kilometer Fahrt nach Berlin, Aufbau des Standes: „Schirmständer stellen, sechs große Schirme spannen, mit schweren Gewichten gegen Wind sichern, Tische, Böcke, Kisten, Tücher, Lampen, Tüten … Alles hat seinen Platz und seine Art und Weise, wie es steht“, beschreibt Petersen die Marktlogistik im Hintergrund, von der die Kundschaft kaum etwas erfährt.

Nach acht Stunden Vorbereitung folgen acht Stunden Verkauf und wieder Abbau. So läuft es heute, so lief es damals. Der Wochenmarkt in Friedenau ist beides: Wandel und Kreislauf.

 

von Manfred Ronzheimer, 17. 2. 2022.                                                                                    Abb: Markt mit Lauterstraße um 1900   ©edition Friedenauer Brücke


Ann Kienert, Marktstand mit Rathaus, Aquarell, 1973

Markttage in Friedenau
" Na, Schätzchen, was darf es sein?" So fragte mich unsere "Fischfrau" Elly Hatzmann auf dem Markt. Sie erklärte: "Kindchen, jeder Mensch ist ein Schatz, du auch!"
So lernte ich ab 1963 den Markt vor unserer Haustüre kennen und lieben. Jetzt halte ich das Buch zum Markt von Frau Weissberg in den Händen.

Die Liebe zum Markt in Friedenau zeigt sich in der sorgfältigen Gestaltung, auf jeder Seite erlebbar, fast zu spüren. Die Bilder von Künstlern aus Friedenau lassen viele Erinnerungen lebendig werden. Bilder meiner Mutter, Frau Ann Kienert und Texte der Familie Jahn. Uns verbindet der Gute Hirte mit der Gemeinde auf dem Friedrich Wilhelmplatz. Friedenauer lieben zu Recht ihren Markt und setzen sich als Bürger dafür ein. Mögen begeisterte tatkräftige Menschen eine weitere gute Entwicklung und Zeit dort erleben dürfen. Die Idee von Herrn Hans Hochhaus mit einem Brunnen und vielleicht auch Bäumen würde einen schönen kraftvollen Ort für die Menschen schaffen.

Frau Weissberg meinen herzlichsten Dank für diese Buch.
Sabine Nörtemann geb. Kienert (Zuschrift im Gästebuch, Juli 2021)


Juni/Juli 2021

 

FRIEDA Das Lokalmagazin für Friedenau und Umgebung 

 

Eine Hommage an die örtliche Wochenmarkt-Geschichte

 

LITERATUR   edition Friedenauer Brücke bringt neues Buch heraus

 

Wieder bringt der Verlag edition Friedenauer Brücke von Evelyn Weissberg und Hermann Ebling ein neues Werk zur Kiez-Geschichte heraus. Eineinhalb Jahre nach „Der Geist von Friedenau“ (FRIEDA berichtete) erscheint im Juli „Markttage in Friedenau“ mit einer Fülle an Bildern,  aktuellen Fotografien und auch historischen Zeitreisen auf insgesamt 148 Seiten. Das Werk soll eine Hommage an einen der ältesten Berliner Wochenmärkte und an seine BesucherInnen sein, erzählt Evelyn Weissberg im FRIEDA Interview. 

 

FRIEDA: Frau Weissberg, Sie sind selbst ein großer Fan des Friedenauer Wochenmarkts.

 

Weissberg: Ich versuche nach der Devise „think global – buy local“ zu leben, gehe deshalb sehr gern auf dem Markt einkaufen, zu jeder Jahreszeit, schätze das vielfältige Angebot der HändlerInnen. Die „Mischung" der Stände gefällt mir, auch passt alles gut zusammen. Klar, die Ware mag zwar nicht so ganz „billig“ sein, aber sie ist ihren Preis qualitativ wert. Auch dass der Markt nicht allzu groß ist, trägt wohl zu seinem besonderen Charme mit bei.

Donnerstags kann man sogar die „Küche kalt“ lassen, es gibt ja ab mittags ein vielfältiges Angebot wie geräucherte Forellen, bretonische Crêpes und Galettes, Hotdogs, indisches und thailändisches Streetfood – ich bekomme schon Appetit nur beim Aufzählen! 

 

FRIEDA: … und Appetit auf ein Buch zum Thema bekamen Sie dann auch.

 

Weissberg: Genau, diese besondere Atmosphäre hat mich schon lange eingenommen und seit ungefähr zehn Jahren fotografiere ich sie auch ab und zu. Langsam reifte dabei die Idee zu einem Buch und so haben wir überlegt, jetzt eines über diesen ältesten durchgehend betriebenen Markt Berlins herauszugeben. Es gibt ihn bereits seit 1881!

 

FRIEDA: Dann machen Sie dem Wochenmarkt  ja ein Geschenk zum 140sten Geburtstag. Wie weit zurück reicht denn Ihre Betrachtung?

 

Weissberg: Insgesamt haben wir wieder Einiges zusammengetragen, Kurioses und auch historische fotografische Aufnahmen des Marktes und der angrenzenden Straßen gibt es zu sehen. Eigentlich gibt es aus jedem Jahrzehnt Material – bis zur Gründung des Marktes sogar. Von damals haben auch nette kleine Anekdoten und Berichte aus dem Friedenauer Lokalanzeiger oder alte Preislisten, solche übrigens auch aus der Zeit der Inflation nach dem Ersten Weltkrieg, als mit astronomischen Summen gezahlt wurde. So wird eben Geschichte besonders anschaulich. Außerdem haben wir Erinnerungen von „Marktzeitzeugen“ gesammelt, beschreiben MarktstandbetreiberInnen, die ja zum Teil schon seit Jahrzehnten hier ihre Waren verkaufen.

 

FRIEDA: Was sind Ihre Lieblingseindrücke, die Sie bei der Recherche gewonnen haben?

 

Weissberg: Sehr wichtig finde ich, an die Zeit des „schwarzen Marktes“ in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu erinnern, denn da gibt es bald keine ZeitzeugInnen mehr. Und, auch wenn es kein regulärer Markt war, so gehört auch er mit zur Geschichte. Ich mag sehr die Kindheitserinnerungen der alten FriedenauerInnen, die erzählen, wie der Markt noch vor dem Krieg aussah. Aber auch aus den 70er- und 80er-Jahren haben wir wunderbare Beiträge bekommen – also der Zeit, als wir selbst als Studierende nach Friedenau kamen, in unsere erste Wohnung an der Handjerystraße. Hinzukommt,

dass Friedenauer KünstlerInnen den Markt für uns in wunderschönen Bildern porträtiert haben. So ist das Buch ein buntes, aber fein ausgesuchtes

„Sammelsurium“, wie der Markt selbst..

 

FRIEDA: Alles in allem kann man wohl sagen, dass es sich bei Ihrem Buch um ein auf Papier  gebanntes abwechslungsreiches „buntes Treiben“ handelt … 

 

Weissberg: Genau, und hinzukommt ja, dass Friedenauer KünstlerInnen den Markt für uns in wunderschönen Bildern porträtiert haben.

So ist das Werk Buch ein buntes, aber fein ausgesuchtes „Sammelsurium“, wie der Markt selbst. 

 

FRIEDA: Dann sind wir sehr gespannt auf den Erscheinungstermin. Aktuelles dazu gibt es auf Ihrer Website www.friedenauer-bruecke.de. Viel Erfolg! 

 


AUGUST 2021

 

Aus dem Newsletter der NICOLAISCHEN Buchhandlung, Rheinstraße 65   

 

 


Preis stimmt allerdings nicht ganz, kostet bei uns inclusive Porto und Verpackung NUR 29€   ;)
Preis stimmt allerdings nicht ganz, kostet bei uns inclusive Porto und Verpackung NUR 29€  ;)

 

 Eisenbahnüberführung

(Friedenauer Brücke) 1914 

von Ernst Ludwig Kirchner

im Logo

  

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der Verlags-CI und der Homepage:

Evelyn Weissberg

 

Stand: MAI 2022