Hazel Rosenstrauch: Porträt Georg Hermann

Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs.  Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de


Der Georg-Hermann-Garten in Friedenau 

 

Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts war Georg Hermann ein „Bestsellerautor“,

doch 1933 wurden auch seine Bücher verbrannt. 

Er selbst ist 1943 in Auschwitz ermordet worden.

Seit den 60er Jahren befindet sich in dem nach ihm benannten Garten in Friedenau ein Denkmal aus rotem Sandstein. Dieses steht heute „hinter Gittern“…

 

„Oktober 1931: eine Flut von Glückwünschen aus ganz Europa strömt dem Schriftsteller Georg Hermann zum 60. Geburtstag ins Haus. Die Zeitungen würdigen ihn als jüdischen Fontane; mancher Kritiker stellt ihn höher als Thomas Mann. Sein beliebtester Roman – ‘Jettchen Geberts Geschichte’ – hat weit über hundert Auflagen erreicht und ist noch immer ständig vergriffen. Hermann zählt zu Deutschlands populärsten, ja geliebtesten Schriftstellern.

Doch in Jubel und Ehrungen mischt sich ein böser, drohender Ton: auch der Völkische Beobachter hat einen Geburtstagsartikel vorbereitet, eine geifernde Hetztirade gegen den Schriftsteller und seinesgleichen. Denn Hermann denkt linksliberal, er ist Jude, er ist überzeugter Antimilitarist. "Eines schönen Tages wird die Schildkröte schon zuschnappen," prophezeit das Nazi-Blatt. 

Mit dieser Art von Intellektuellen wird man aufzuräumen wissen.“ *

 

Heute wissen wir, wie perfekt „aufgeräumt“ wurde. Bei einigen hat dieses „Aufräumen“ bewirkt, daß sie vollständig vergessen sind.

Bei Georg Hermann war das nicht ganz so. Der Verlag Das Neue Berlin gab seine Werke gleich nach dem Krieg wieder heraus, und in den 1990er Jahren machte man sich an eine Neuauflage des umfangreichen Gesamtwerkes.

Auch bemühen sich immer wieder „Georg-Hermann-Fans“, ihn ins Gedächtnis zu rufen.

 

So auch am 19. 3. 2010 in den Räumen der Philippus-Gemeinde: 

Die AWO-Friedenau veranstaltete einen Literaturabend, an dem aus dem wohl schönsten „Friedenau-Roman“ Georg Hermanns gelesen wurde:

„Der Kleine Gast“, 1925 erstmals veröffentlicht, schildert das Leben des Autors nahezu autobiografisch.

Er lebte von 1901 bis 1904 in der damaligen Kaiserallee, erst in der Nummer 68, dann in der 108.

Bei einem anschließenden Gespräch wurde diskutiert, dem Garten mehr Aufmerksamkeit zu schenken, der auf dem Areal des ehemaligen „Ulmenhofes“ im Dreieck Stubenrauch-, Goßlerstraße und Bundesallee liegt. Mit einer Gedenktafel direkt an der Stubenrauchstraße könnte man auf den Schriftsteller und Namensgeber des Gartens hinweisen.

 

Denn dieser Autor hat uns auch heute noch Wesentliches zu sagen:

„Aufregend sind die Romane, in denen er das Berlin der Gründerzeit und Jahrhundertwende beschwört, das explosive Wachsen zur Millionenstadt.

Er zeichnet eine vor Unternehmungsgeist berstende Stadt. Und denkt man an die Baukräne über der Stadt nach der Wende, so erscheint Hermanns altes Berlin plötzlich unheimlich vertraut: Eine Stadt in einer Zeit des Umbruchs mit allen Möglichkeiten zu rasantem Aufstieg, raschem Gewinn. 

Da berührt die Metropole von damals sich mit der modernen Großstadt.

Und wieder lenkt Hermann den Blick auf die Opfer einer solchen Zeit, auf all jene, die nicht wendig, nicht dynamisch, nicht rücksichtslos genug sind, um sich nach oben tragen zu lassen. Deren Existenz mit einem Schlag ein Scherbenhaufen ist. Deren Leben plötzlich in der Luft hängt, am Rand der Gesellschaft, ohne Arbeit, ohne Freunde, vertrieben nicht nur aus der Wohnung, sondern aus allen Lebensgewohnheiten.

Und dann geht man aus dem Haus und sieht plötzlich, zwischen den glitzernden Fassaden smarter Bürogebäude und schicker Geschäfte, überall Figuren von Georg Hermann. In Kleidern von heute, aber in den Schicksalen, wie er sie ohne Pathos und umso ergreifender gezeichnet hat.“ *

*Auszüge aus dem Essay  „Ermordet, aus Herz und Kopf vertrieben: Georg Hermann“ von Dorothea Renckhoff, 2008

 

Evelyn Weissberg, Friedenau, den 7. 4. 2010, veröffentlich in der "Stadtteilzeitung"

 

 Eisenbahnüberführung

(Friedenauer Brücke) 1914 

von Ernst Ludwig Kirchner

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Stand: DEZEMBER 2021